Veröffentlichung im aktuellen Verbandsmagazin des Gesamtverbandes für Suchthilfe e.V. (GVS)

Veröffentlichung im aktuellen Verbandsmagazin des Gesamtverbandes für Suchthilfe e.V. (GVS)

Im aktuellen Verbandsmagazin des Gesamtverbandes für Suchthilfe e.V. (GVS) zum Thema "Frauen... der Sozialen Arbeit und Suchthilfe" wurde der nachfolgende Artikel von Dagmar Rünger, Bereichsleiterin Arbeit bei FrauSuchtZukunft, veröffentlicht:

 

Teilhabe am Arbeitsleben für Frauen* mit Suchtproblemen bei FrauSuchtZukunft e. V.

„Teilhabe an Arbeit für Suchtkranke ist ein unübersichtliches, von Zufällen und behördlichen Einzelentscheidungen geprägtes Tätigkeitsfeld der Suchthilfe. Dennoch ist es für ein selbstbestimmtes Leben abhängigkeitskranker Menschen von existentieller Bedeutung, dass Teilhabe an Arbeit und Bildung gelingt. In den Arbeitsmarkt integriert zu sein, wird mit sozialer Teilhabe zunehmend gleichgesetzt, so dass im Umkehrschluss Arbeitslosigkeit mit sozialem Ausschluss verbunden wird.“  fdr-Handreichung für die Suchthilfe: Arbeit und Bildung - Teilhabe ermöglichen 2017.

Ca. 45 %   der FSZ -  Klient*innen sind langzeitarbeitslos und über 15 % zeitweilig oder dauerhaft erwerbsgemindert.

Unsere Angebote im Bereich der Teilhabe am Arbeitsleben süchtiger Frauen* haben auch mit 25- jähriger Erfahrung Modell- und Prozesscharakter, ob im Café Seidenfaden oder bei tiebrA – berufliche Integration.

Dies wird uns seit 1992 durch die Finanzierung der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung sowie seit 1996 durch den Europäischen Sozialfonds ermöglicht. Wir sind als Träger der beruflichen Weiterbildung AZAV zertifiziert und arbeiten mit den Jobcentern und Arbeitsagenturen Berlins sowie Beschäftigungs- und Bildungsträgern zusammen. Als erfahrener Träger der Berliner Suchthilfe sind wir gut vernetzt im psychosozialen Hilfesystem der Stadt.  

Die Lebensläufe der meisten Frauen* und Mütter* sind immer noch bestimmt von der rollenspezifisch begründeten Zuständigkeit für Kindererziehung, Familie  und soziale Beziehungen zusammenhalten, sei es in der Herkunftsfamilie oder in der eigenen. Frauen* und Mütter* sind diejenigen, die Haushalts- und Versorgungsarbeiten übernehmen. Sind die Biographien der Frauen* belastet von Sucht- und Gewalterfahrungen und sind sie mit der Kinderversorgung allein, stellen diese Aufgaben eine besonders hohe Anforderung dar, deren Nicht- Erfüllung häufig als komplettes Versagen erlebt wird. Die durch (Langzeit-)Arbeitslosigkeit entstandenen Defizite wie geringes Selbstwertgefühl, fehlende Eigeninitiative und Motivation, geringe Belastbarkeit, mangelnde Konzentrationsfähigkeit, nicht vorhandene Stressresistenz müssen trainiert werden, um eine erfolgreiche soziale und berufliche Teilhabe zu ermöglichen.

Wollen Klient*innen ihre Sucht überwinden, müssen sie zahlreiche Rollen und Schauplätze in Einklang bringen. Sie haben eine beeindruckende Anzahl von Terminen zu managen, die immer wieder dazu führen, berufliche Pläne zum Nebenschauplatz zu erklären. Sie sind in der Regel darauf angewiesen, Kombilösungen zu suchen, um aus Erwerbsarbeit, Kindererziehung und -versorgung sowie Aufgaben der Alltags- und Gesundheitsstabilisierung eine Ganzheit zu entwickeln. Über Jahre hinweg müssen sie die Balance halten zwischen den o. g. Rollen. Sie versuchen die berufliche Perspektive an die jeweilig aktuellen Anforderungen anzupassen bzw. unterzuordnen.

In den letzten Jahren beobachten wir wieder eine Verstärkung der Situation des „klassischen“ Spagats von Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Den Beruf mit familiären Versorgungsaufgaben zu vereinbaren, wird sozusagen noch überlagert von den Anforderungen, zeitlich flexibel und räumlich mobil zu sein. Hinzu treten auch vermehrt Ansprüche der permanenten Weiterqualifizierung, um mit den technischen Entwicklungen Schritt halten zu können. Dazu zählen vor allem Problemlöse- und Zeitmanagementkompetenz, Konfliktmanagement und Kommunikationsfähigkeit sowie Selbstwirksamkeitserwartung. Bei den meisten der Klient*innen klaffen berufliche Vorerfahrungen und Qualifikationen weit mit den auf dem Arbeitsmarkt gewünschten Anforderungen auseinander.

Mit unserer Arbeit tragen wir dazu bei, Lösungen anzuregen und zu unterstützen.

Frauen* und speziell Frauen* mit Sucht – und /oder psychischen Problemen brauchen Akzeptanz und Respekt für ihre Lebenssituation, vertrauensvolle und kontinuierliche Beziehungen, Vorbilder für die frauen*spezifische Alltagsbewältigung und eine Unterstützung, die ressourcenorientiert ist und auf die Fähigkeiten der Klient*innen zur eigenständigen Lebensbewältigung, zur Veränderung/Verbesserung der Konsummuster bzw. Abstinenzentwicklung baut.

Wir verabschieden uns zunehmend von dem Modell: erst clean und abstinent, dann Arbeit und Beschäftigung. Ressourcenstärkende Tagesstruktur und sinnvolle Beschäftigung sind ein wesentlicher Motor im Rahmen einer niedrigschwelligen oder zieloffenen Suchtarbeit, in dem sie den angestoßenen Selbstwirksamkeitsprozess stärken, gesünderes Leben stabilisieren und vielleicht irgendwann auch in einer Abstinenzentscheidung münden.

All diese Aspekte werden in den Angeboten von tiebrA – Berufliche Integration und dem Café Seidenfaden berücksichtigt. Die Manufaktur, die Berufswerkstatt, das training on the job sowie die anderen Formen der Arbeitserprobung im Café bilden ein Netz von Modulen, in dem Frau* entsprechend ihrer Neigungen und Fähigkeiten ihre ersten Schritte zur beruflichen Teilhabe gehen kann. Und das Beste ist: die Frauen* und Mütter* können dabei voneinander lernen, sich in Tätigkeiten erproben und im Prozess ihre Belastungsfähigkeit steigern.

Die an vier Tagen pro Woche stattfindende Kreativwerkstatt „Manufaktur“ ist unser niedrigschwelliges Angebot zur Stabilisierung und zum Aufbau einer Tagesstruktur sowie elementarer Kompetenzen, wie sie im Berufsleben gebraucht werden. Angeleitet von zwei Ergotherapeutinnen entstehen alltagspraktische und ansprechende Produkte mit unterschiedlichsten Kreativtechniken.

Mindestens genauso wichtig wie die neu erlebte Produktivität ist die Erfahrung, in einer Gruppe angenommen zu sein und professionell begleitet zu werden. Fähigkeiten wie Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer werden in Einzelarbeit sowie in der Gruppe trainiert.

Die Manufaktur-Teilnehmer*innen haben zusätzlich mit der Berufswerkstatt (Gruppentraining 20 Std.) die Chance, Unterstützung bei der Orientierung, Erarbeitung eines Kompetenzprofils, Berufswegeplanung und bei Bewerbungen zu bekommen.

Mit dem Café Seidenfaden schaffen wir dringend benötigte Trainings- und Arbeitsplätze für Frauen* und Mütter* (auch in Teilzeit) und einen für süchtige Frauen* wichtigen geschützten Arbeitsraum, der es gleichzeitig ermöglicht, schrittweise ökonomische Selbstständigkeit zu erlangen bzw. die ersten Schritte auf dem Weg in den Arbeitsmarkt zu gehen. Unter qualifizierter Anleitung üben sich die Teilnehmer*innen in sinnvollen, kunden- und produktorientierten Tätigkeiten eines gastronomischen Betriebes. Sie lernen den Arbeitsalltag kennen, trainieren Schlüsselqualifikationen für das Arbeitsleben und erweitern ihre persönlichen Fähigkeiten sowie ihre soziale Kompetenz.  Wir gehen davon aus, dass mit der Aktivierung durch gezielte lern- und ergebnisorientierte Beschäftigung eine Stärkung von Motivation und Selbstbewusstsein erreicht wird. Um jedoch einen nachhaltigen Erfolg zu sichern und bei den Teilnehmer*innen Kompetenzen zu stärken, die Übergänge und Quereinstiege im Sinne einer langfristigen Berufswegeplanung zu ermöglichen, braucht es zusätzliche spezielle Unterstützung, die wir im Rahmen unserer Zusammenarbeit mit tiebrA sehr gut gewährleisten können.

Wir schließen mit unserem Angebot von tagesstrukturierender und qualifizierender Beschäftigung, Arbeitserprobung, Training und Ausbildung/Umschulung für die genannte Zielgruppe eine wichtige Lücke

Oft hören wir die Argumentation Sucht und Gastronomie - geht das überhaupt gut zusammen, ist das ein geeignetes Aufgabenfeld für Süchtige*?

Der gastronomische Zweckbetrieb hat in der Suchthilfelandschaft bundesweit eine gute Tradition. Angefangen als Saftläden, haben sich einige alkoholfreie Zweckbetriebe zu erfolgreichen gastronomischen Unternehmen entwickelt. Eine ähnliche Entwicklung finden wir auch im Psychiatrie und Behindertenbereich. Die gastronomische Dienstleistung ist und bleibt eine Zukunftsbranche mit dem Schwerpunkt Ressource Personal. Die menschliche Tätigkeit in der Küche und am Gast* ist nicht durch Maschinen zu ersetzen. Interessante Arbeits- und Ausbildungsplätze sind also immer vorhanden. Gerade hier in Berlin steigt die Nachfrage nach gastronomischen Dienstleistungen stetig. Allerdings ist es auch eine Tatsache, dass die Gastronomie eine physisch wie psychisch anstrengende Branche mit nicht unbedingt familienfreundlichen Arbeitszeiten  mit hohem wirtschaftlichem Druck ist, sodass wir nicht selten in unserer Arbeit an die Grenzen von Klient*innen sowie auch Anleiter*innen stoßen. Wir unterstützen deshalb sehr die Forderungen der LIGA-Verbände zur Schaffung eines sozialen Arbeitsmarktes für mehr Nachteilsausgleich zur Verringerung dieses wirtschaftlichen Drucks.

Das Café Seidenfaden hat seit der Eröffnung 1993 mehr als 1200 Frauen die ersten Schritte ins Berufsleben geebnet. Ähnlich viele Klient*innen haben wir bei tiebrA seit 1996 begleitet. Ebenso konnten wir unzählige Gäste* und Cateringkund*innen mit unserer Leistung begeistern. Mit Stolz können wir sagen, die Arbeit  und Anstrengung lohnt sich.

FrauSuchtZukunft wird sich im Interesse der Klient*innen weiter auf dem Gebiet der Teilhabe am Arbeitsleben engagieren und auch zukünftig die ständige Herausforderung annehmen. Klare gesetzliche Regelungen und mehr Unterstützung aller Beteiligten wären dazu sehr förderlich.

Dagmar Rünger
Dipl.Psychologin, Suchttherapeutin
Bereichsleiterin Arbeit
Café Seidenfaden und tiebrA
FrauSuchtZukunft
Verein zur Hilfe suchtmittelabhängiger Frauen e. V.
Dircksenstr. 47
10178 Berlin
Fon: 030/28599451 oder 030/28046814
Fax: 030/2828665
d.ruenger@frausuchtzukunft.de

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